Toni Germani Quartet – We Colonized Souls

Aus Italien:

Toni Germani: Tenorsaxophon, Altsaxophon, Stimme; Gege Albanese: Klavier, Rhodos; Stefano Cesare: Kontrabass; Davide Pentassuglia: Schlagzeug

Nehmen wir an: We three kings von Roland Kirk aus dem Jahr 1961 und We Colonized Souls vom Toni Germani Quartet aus dem Jahr 2019 haben irgendetwas miteinander zu tun. Nehmen wir an, dass Toni Germani ein unbeschriebenes Blatt ist, weil er den Big Deal mit der Musikindustrie scheut, beziehungsweise siehe unten: ablehnt. Nehmen wir an, er spielt keinen jazzigen, sondern einen rockigen Ton. Nehmen wir an, er ist eigentlich weit unterschätzt. Nehmen wir an, dass es keinen Sinn macht, etwas sagen zu wollen über einen, der sich dem Business entzieht. Da würden wir doch trotzdem gern genauer hingucken oder hinhören, nicht wahr? Beispiel: Jazzjournal London:

"Germani steht außerhalb des Mainstreams des Musikgeschäfts, den er von Herzen verachtet und der ihm wiederum den Rücken gekehrt hat. Er fand Gönner in Giovanni Bonandrini von Black Saint / Soul Note und im Pianisten / Komponisten Giorgio Gaslini, der echte Musiker erkennt ... er neigt trotzdem dazu, auf kleinen Labels außerhalb des großen Zirkels seine Titel aufzunehmen, er ist also weniger bekannt als er sein sollte. Er singt die Linie von All Along The Watchtower in einem halb gesprochenen Stil, der eigentlich sehr bewegend ist, und erinnert uns daran, dass weder Bob Dylan noch Jimi Hendrix (noch Bob Marley, wenn man Redemption Song mit einbezieht) jemals bei Singer of the World Medaillen gewonnen hätten. Und dies bestätigt wiederum ... es gibt keine falsche Virtuosität."

Nehmen wir an, King Crimsons Epitaph steht Pate für Epitaph von Toni Germani,

The wall on which the prophets wrote
Is cracking at the seams
Upon the instruments of death
The sunlight brightly gleams

und nehmen wir an, dass es stimmt: die ironische Wendung Roland Kirks we free kings ließe sich mit We Colonized Souls in ein Lob verwandeln an „Diejenigen, die sich widersetzen und sich trauen und die ihre Hoffnung nicht verlieren.“

So weißt du noch immer nicht, welchen Sinn es macht, von sogenannt widerständiger Musik (oder widerständigen Musikern) zu lesen, zu schreiben, zu hören, wenn das bedeutet, dass ein bisschen widerständig sein mit sich bringt, dass dich kaum jemand wahrnimmt. Es ist geradezu grotesk, dass Toni Germani auf Spotify 10 monatliche Hörer hat (bei 4 Followern – das ist wirklich unfair) : zum Vergleich King Crimson hat fast 500.000 Follower und monatliche Hörer mehr als 600.000 – jaja, lassen wir das, The Group that embodies Progressive Rock (steht so bei Crimson) – Man kann schon nachvollziehen, dass da einer die Wand hoch will, auch wenn oder weil sie über ihn kommt. Oder wo wir schon bei Übertreibungen sind, die Welt einfach nicht in sein Horn passt / und schon gar nicht aus ihm, dem Horn, rauswill.

Ein nächster ironischer Ausflug: Bob Dylans All along the Watchtower … es geht ins Burlesque – mit allerdings schon mehr widerständigem Potential als bei Bob Marleys Redemption Song – mit ebenso coolem Beat wie bei Hot Heat mit seinem ansteckenden Riff über schwingender Bossa Nova Referenz.

In den Pressemitteilungen weist Germani darauf hin, dass es bei seiner musikalischen Ausbildung von den Vororten bis in die Stadt mehr darum ging, mit Rockfans als mit Jazzern zusammenzukommen, was nicht nur die Wahl der Stücke erklärt, sondern vielleicht auch die Art und Weise, wie sich sein Saxophonspiel darstellt, offen ehrlich knackend direkt.

Auch mal gut, einem zuzuhören, der nicht nur durch Performance, Akrobatik oder exklusives Rumturnen auf Tonleitern und Kadenzen beeindruckt, sondern einfach mal unpretentiös ausgibt, was seine Stimme aussagen will: manchmal unvermittelt und direkt, manchmal auch pathetisch und sehr nach vorn … ich vermute auch, dass das oben genannte Widerständige eher etwas zu tun hat mit LaissezFaire, einer Lebensart, die nicht immer mit 3000 Volt übers Klavier will, nur weil alle erwarten, dass immer gleich alles explodiert.

⚡️⚡️⚡️⚡️ Prädikat weit unter Wert verhandelt geht gut melodiös und rhythmisch … abwechslungsreich und wenn Widerstand so daherkommt – bin ich dabei.

Zur weiteren Auseinandersetzung empfiehlt sich auch ein Blick auf seine anderen Aufnahmen: Zur Website von Toni Germani

Für Jazz aus Italien habe ich eine Baustelle eröffnet, noch ohne Fundament, es ist aber schon einiges an Material eingetroffen: