Jazz Drummers Sound von Gard Nilsson – Mark Guiliana – Christian Lillinger – Clemens Kuratle

Den Coronaexpress verlassen, nicht immerzu bevormundet werden wollen, sich wacker dem Zeitgeist stellen und und und … hellwach getrommelt werden … nun hatte jede(r) über die letzten Wochen Zeit, die eigenen Jacken auszubürsten, sich der eigenen Positionen zu vergewissern, und last buft not least – im Jazz sei ja grundsätzlich etwas Widerborstiges – habe ich gelesen – das Widerborstige wieder glattzustreichen ? Mehrfach lesbar, dass wir vieles an psychologischen Phänomenen erkennen können von Einsamkeitsmelancholien bis antwortenden Wänden, Pflanzen und anderen Gegenständen, vom Einnahmeausfall der auf Öffentlichkeit angewiesenen Musikerinnen, von der Ausweitung der Umsonstkulturszene, da jeder sich im Internet entblößt und alles hergibt, wofür er sonst nichtmal sein Hemd ausziehen würde – Sueddeutsche Zurück zum Bettler-Status

Worauf will ich hinaus? Nun, die kollektive Schockstarre einerseits. Die individualistische Antwort oder Haltung andererseits. Allgemein heißt es, der Einzelhandel bricht zusammen, die Internetfirmen florieren und profitieren. Das gesellschaftliche Leben zieht sich aufs Smartphone zurück. Das wirtschaftliche Leben lässt sich für die, die ihre Zeit eh am Computer verbringen, erstrecht fortsetzen, während Gastronomen, Wirte, Kellner, Köche, Einzelhändler vom Buch über Spielwaren über Garderobe bis Friseur und Kosmetika vor der Pleite stehen, und und … wer heute keine Onlineverkaufsfläche anbieten kann, ist bald sein Geschäft los … und wer auf Publikum angewiesen ist – Theater, Film und Musik – darf bald zum Kartoffelschälen und Spargelstechen antreten.

Das ist wirklich bitter, um nicht zu sagen – ein Fiasko – da wünscht man sich das Widerständige, das Aufbegehren, das Widerborstige – wenn es doch nur so einfach wäre – da es ja, dramatisch gesprochen, ums nackte Überleben geht – und von überall her die Ratschläge auf dich einströmen, wie du dein Leben so umgestaltest, dass es dir ein Weiterleben ermöglicht – da wird auch noch qualifiziert zwischen systemrelevant und weniger relevant – das ist nun wirklich relativ systemirrelevant – denn wer will schon nur zum Passiven verdammt, zum Zuschauer verurteilt oder zum Nutznießer anderer Leute Arbeit heruntergestuft werden. Wenn wir auch im Privaten so vorgegangen wären, hier die Wichtigen, dort die Unwichtigen, hier die Relevanten, dort die Irrelevanten – wir hätten die Diskrepanz zwischen mächtig ohnmächtig, oben unten, den Männern den Frauen, den Kindern den Alten nur noch vergrößert – und verschlimmert.

Heute Morgen erst las ich am Maybachufer: Solidarität statt Sicherheitswahn. Am Ende dieses Laufs ein Gespräch mit einer älteren Frau im Anblick der Schwäne, die soeben sechs Küken großziehen, von denen sie heute in der Früh eins an die Krähen verloren. Im Engelbecken sie nun seit Jahren dort ihre Jungen aufziehen, und gäbe es dort nicht die andere ältere Frau, die sich morgens regelmäßig um „ihre“ Schwäne Donald und Daisy kümmert, kaum eins der Schwäne würde seinen Weg vom Engelbecken ans Maybachufer finden – regelmäßig bringen sie die Schwäne, wenn es ans Fliegen üben geht vom Engelbecken ans Maybachufer – auch hier sichtbar: Das selektive Naturprinzip – nicht Solidarität, nicht Sicherheitswahn, sondern Kraft des Stärkeren – oder die weise Voraussicht ohne Plan – Schwanenvater Donald eine Flugübung hinlegt, einmal diagonal durchs Engelbecken und es geunkt wird, dass Daisy diesen Startvorgang nicht mehr hinbekommt, warum sie es jedes Jahr aufs Neue ihren Jungen zumuten? – als wüssten sie, dass die Schwanenmutter die Jungen im Flugfähigkeitsalter ans Maybuchufer schaffen werden – abgedriftet bin ich – das Gespräch führte uns über die Schwäne zum Internet – sie habe kein Fernsehen mehr, verfolge aber all die Informationen zum Corona über Internet – ratlos werde sie – könne ihre eigenen von Freunden als veraltet dargestellten Positionen nicht mehr zur Geltung bringen – könne diese Welt, wie sie sich soeben entwickele, nicht mehr als ihre Welt bezeichnen, da sei sie eben lieber antiquiert und im Einzimmermodus gleich Einzeilerwesen gleich Radikale Einzelgängerin – wir gleich wieder im Lieblings-Basher-Modus Old-School-Kreuzberg – das scheiß Internet und kein echtes Leben mehr – da freuen wir uns lieber über die fünf geblieben kleinen Schwäne, die von Daisy aufs Wasser geführt werden – während das sechste von Krähen zerrupft in der Ecke liegt – zum Wegkehren.

Tja – ich hatte da so einen Gedanken an … Widerborstigkeit – wir hier die Veteranen einer alten Kreuzberger Idylle unterhalten uns über das Verschwinden des Einzelkämpfers, des Radikalen und des Unbeugsamen – sage ich, im Netz verschwinden all diese Typen – dort gilt nur das Radikale und das gehäuft, in Mehrstimmigkeit verstummt – dargestellt und rausposaunt, alles, was im Widerspruch steht zum Offiziellen, wird im Internet zum Dauerkorrektiv und nennt sich Faktencheck und ist doch nur ein Strategen-Chaotisierungs-Impetus, der allgemeine Diskurse übermalt, übertüncht und … sage ich .. die Big Five kommen aus dieser Krise vergrößert hervor – alles verschenken wir an Big Five – alles, das kann doch wohl nicht wahr sein, rufe ich, während Donald seine Flugübungen unterbricht und sauber auf dem Wasser aufsetzt.

Ja, dass die das nicht kapieren, ruft die alte Frau mir zu – kapieren nichts – wer die, frage ich – die alle da, ruft sie – erst werden wir von den Kapitalisten enteignet – dann wundern sie sich noch, dass wir Schwänen beim Fliegenüben zugucken – wo sie jemals noch hinfliegen wollen, wissen sie selbst nicht. (Sind ja fortwährend mit Kinderaufzucht beschäftigt. Donald und Daisy.)

Ich kleine Wurst kann doch gar nichts machen, sagt sie, aber bei Amazon kauf ich keine Platte mehr, kann sie noch so billig sein. Nix mehr, nie wieder. Richtig, sage ich, ich lade nur noch meine Daten drauf, dass die Strom verbrennen und bezahlen, wenn das alle machen würden, wären die bald pleite … sagt sie: das ist falsch, was Sie da machen, speichern sie ihre Daten im Kühlschrank, sagt sie. Aua.

Schauen Sie meine Finger, schon ganz blau gefroren. Danke für das Gespräch. Danke auch. Nun sitze ich hier und wollte eigentlich etwas über Schlagzeuger schreiben … über Big Bands … über das Individuelle versus den Orchestralen. Nehme mir das für später vor. Ich muss noch unbedingt was zum Schlagzeugern schreiben … die Widerborstigkeit. Die Snear, das Wischen, das Kontrapunktieren, das Führen, Stemmen, Reiben, Schieben, Stoßen, Drücken und Zuhören, Abwarten und ohne Schlagzeug kein Jazz – sind wir uns sicher. Die Auflösung des Viertel-Taktes in seine Polyphonie.

Dass es selbst zu Zeiten der Nazidiktatur staatlich organisierte Big Bands gab, desselben auch in der DDR, überhaupt die Big Bands – eine in Deutschland beliebte Organisationsform, so viele wie möglich unter ein Dach zu bekommen und es krachen zu lassen, weniger widerborstig, wie sich versteht, weniger vielstimmig, sondern konzertant und einstimmig – swingin Berlin der 20iger eine BigBand-Zeit schlecht hin – und heute? WDR, NDR, SWR, HR betreiben eigene Bigbands – es gibt die Berlin Big Band, die BigBand der Deutschen Oper Berlin, um nur einige der sich professionell gebenden Bigbands anzuführen – im Semiprofessionellen du das Jazzorchester PROKOPätz vorfindest, das University Jazz Orchestra Regensburg oder MagicRythm aus Hessen Bad Nauheim. Allen gemein dürfte sein: Sie kommen ohne Schlagzeuger nicht aus. Nehmen wir das mal vom Großen ins Kleine. Wobei das Kleine dann zum Großen Fuß wird, mit den vielen Armen und den vielen Schwingungen, Latenzen, Stockungen, Pedalen und Triolen, es mich schon von klein auf wunderte – was auf so einem bisschen Geschirr alles für Möglichkeiten entstehen – wenn erst der eine Schlagzeuger, die eine Schlagzeugerin ein ganzes Orchester vor sich hertreibt, wie im Fall unserer Bigband, oder wie ebenso häufig ein Trio erst durch seinen Schlagzeuger, seine Schlagzeugerin zum Mehrfacherlebnis wird – ja- soweit war ich gekommen.

Was meine ganzen neulich am Freitag beim Hören von Jazzschlagzeugern alles erzeugten Zettelchen noch so hergeben: Was ist Musik erst einfach, wenn der Beat stimmt. Oder: Irgendetwas rührt. Etwas, was dich durchfährt. Am Besten wird es, wenn dich Bilder ereilen. Der Schlagzeuger. Er sitzt und hört, was die anderen machen – er treibt wenn er darf – er treibt wem es nützt. Der Drummer hat zwei Füße und klingt häufig wie eine Batterie – die alles zerfetzt.

Ich habe mir ein paar Namen notiert. Gerd Nilssen (BigBand was die Ohren zerlegt. Mark Guiliana, New York. Christian Lillinger in der Szene weiß jeder wer er ist – der, der ganze Säle leerblitztrommelt … weil er für die, die was Beruhigendes erwarten, keine Ohren mehr hat. Clemens Kuratle, begnadeter Drummer aus der Schweiz – Frauen Schlagzeugerinnen nicht vergessen: da kommt sofort Terri Lyne Carrington und? Jetzt aber los und: Viola Smith im Stil von Gene Kruppa. Und Evelyn Glennie, u.a. Schlagzeugerin mit Fred Frith. Sheila E. bekannt aus ihrer Zusammenarbeit mit Prince. Cindy Blackman an der Seite von Lenny Kravitz und Santana. Oder anderes Genre, Sandy West von den Runaways. Bobbye Hall, auch zu hören an der Seite von Bob Dylan. Oder hier: Maureen Tucker von Velvet Underground. Mal wieder die Schweiz: Maru Rieben – tja – wer kennt schon die Schallmaschine. Wer die Band Atropa Belladona. Ich habe noch anzubieten: Käthe Kruse, Schlagzeugerin der Tödlichen Doris und heuer sogar im Tagesspiegel: Tagesspiegel: Wörter mit Wumms Oder bitte auch: Allison Miller !!! Boom Tic Town. Und aber ja natürlich: Anne Paceao, Lizzy Scharnofkse, oder was für Literaten: Rachel Rep – hat ein Buch geschrieben Panzerschokolade ich verlinke mal nach hier: Drummers World Rachel Rep – Panzerschokolade

Meine Zettel geben weiter bekannt: wer will, kann sich an der Spekulation, wer nun der beste Jazz-Drummer aller Zeiten ist, hier ein wenig umtun: best-jazz-drummers

Ich mach folgende Fenster auf:

Gard Nilssen

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Mark Guiliana

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Christian Lillinger

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Clemens Kuratle

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Eine Drummer Playlist gibt es auch: (nicht nur zur Kosmetik hier verlinkt, sondern gerne auch zum Reinhören, es lohnt sich – wobei die Warnung ausgesprochen werden muss: Die Betreiber hinter den Links sicher Cookies in Gebrauch haben, und gern mehr von dir erfahren möchten. Deswegen Klicken auf eigene Gefahr!)

Der TIDAL – Links sozusagen als Schnelldurchlauf: Tidal Schnelldurchlauf

Spotify:

 

 

Vom Zettel nachzutragen: Wenn jemand jemanden schlägt, ist er hinten runter. Das gilt nicht für Drummer. Wobei auch hier gilt. Wer sein Instrument liebt, schlägt es nicht, sondern macht es zum Raum, das viele Seiten kennt, vor allem die des Starkstromelektrikers bei Buddy Miles oder die des Teufelstrommlers bei Ginger Baker oder zu Moby Dick wie Bonzo Bash John Bonham – oder zum Soundgarden von Matt Cameron, oder zum rhythmusbetonten Song bei Phil Collins, zum Fifteen Minutes Solodrummer Jon Hiseman – auch Schlagzeuger bei United Jazz & Rock Ensemble – wie immer, wenn ich versuche, etwas einzukreisen … entstehen nur weitere Verästelungen, es ist immer erstaunlich, wie viel man noch entdecken könnte, wenn man nur Zeit und Muse und Ausdauer an den Tag bringt. Ich wünsche euch desewgen einen guten Start in die Woche und uns hoffentlich bald eine Corona freie Zeit – sollen sich die anderen daran festbeißen.

Vom Zettel runtergefallen: Der Drummer – mit der eigenen Sprache jenseits der Worte – Er sitzt und arbeitet im Gegensatz zum Bürokraten der sitzt und wartet. Ohne den Drummer wäre das All nichts – denn sein Rhythmusgefühl ist es, was dich in den Hörgewohnheiten prüft … der Drummer ist der mit dem Glückstreffer. Er ist der mit dem Herz im Zentrum des Geschehens …

 

10 Gedanken zu “Jazz Drummers Sound von Gard Nilsson – Mark Guiliana – Christian Lillinger – Clemens Kuratle

  1. Hi Clemens, sehr schöne Geschichte mit den Schwänen….
    Mit Evelyn Glennie als Schlagzeugerin von Fred Frith liegst du leider ganz falsch. Er hat gar keine feste Schlagzeugerin bzw. Schlagzeuger. Zusammen spielten sie für die von Aufnahmen: „The Sugar Factory (2003)“ und „Touch The Sound 2004“ ( Film über Evelyn Glennie). Dann noch ein paar Live Geschichten.
    Fred Frith spielt in so vielen wechselnden Besetzungen und meist ohne Schlagzeug. Das ist es schon ein Wunder das es 2 CD’s mit Jordan Glenn gibt und nicht einmal Chris Cutler würde ich als seinen Schlagzeuger bezeichnen…
    Evelyn Glennie ist in der Klassik und der neuen Musik zuhause und ist gern bei neuen Projekten dabei. Siehe hierzu Trestle Records.
    Das mit Lillinger: „Christian Lillinger in der Szene weiß jeder wer er ist – der, der ganze Säle leerblitztrommelt … weil er für die, die was Beruhigendes erwarten, keine Ohren mehr hat.“ musst du mir erklären.

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    1. Henry! Ganz so falsch liege ich mit Fred Frith dann aber wohl doch nicht, wie du sagst, ich meinte die Aufnahme: https://en.m.wikipedia.org/wiki/The_Sugar_Factory_(album) Ich kann ja noch ein u.a. bei Fred Frith einbauen, dann stimmt es, und Lillinger habe ich gesehen auf 3sat: https://m.bonedo.de/artikel/einzelansicht/gegen-den-beat-christian-lillinger-und-die-jazz-baltica.html

      Die einen total verblüfft und begeistert, andere verließen entrüstet und überfordert den Saal.

      Beste Sonntagsgrüße an den wohl aufmerksamsten Leser! ;o) Ich schreib das noch um!  

      Beste Grüße, Clemens

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  2. Supi, das passt. „Ganz falsch“war wohl etwas hart, aber das hast du ja auch gelesen und wir beiden meinten ja die gleiche Veröffentlichung mit der „Sugar Factory“. Gehört mit zum besten von Fred Frith. Und der Film über Glennie ist sehr zu empfehlen.
    Lillinger ist so eine Sache. Man hasst oder liebt ihn. Ich mache es abhängig in welcher Konstellation er spielt. Aber sein Können steht außer Frage. Allerdings liebt er auch die Show 😉

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    1. Wie es so ist mit denen, die es „geschafft“ haben, da ist das Können über jeden Zweifel erhaben. Gar keine Frage: ein Ausnahmetalent. Er kann und darf die Grenzen ausreizen. Geschmacksfragen sind da wahrscheinlich auch obsolet. Ein Drummer, von dem ich sagen kann, nicht ich schaffe ihn, er schafft mich. „Ganz falsch“ war in diesem Fall fast richtig. Aber wem sage ich das? Ich zitiere immer wieder gerne Thelonious Monk: „Spiele falsch und das richtig!“ Und so könnte ich wieder stundenlang mit dir meine Gedanken wechseln, aber sei beruhigt, ich höre gerade Allison Miller- da darf man gerne auch zuhören. Ich wünsche dir einen guten Start in die Woche, bei mir warten wieder mehr als hundert flugunerprobte Schwäne … dass ich auf Autopilot schalte ;o)

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    1. Ich machs kurz. Ich habe nicht zugekauft, sondern erstmal hier was reingepackt, das geb ich jetzt auch so öffentlich, vielleicht sieht das jemand, nicht, was für ein toller Kerl ich bin, sondern wo es auch möglich ist zu helfen. https://www.initiative-musik.de/spende/ zu bandcamp später mehr, sehe, dass solche Aktionen da einmal im Monat stattfinden. Jetzt hab ich auch noch telefoniert und nebenan ruft mich jemand zur Raison. Ich soll mal Schluss machen mit der Musik, das führt doch zu nichts … grr lach Grüße!

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