Brad Mehldau – Seymour Reads The Constitution!

bradmehldau-seymour

Beim ersten Hören gleich klar, diese Aufnahme ist wieder aus dem Gesamtwerk des Brad Mehldau nicht wegzudenken, ein Statement, eine Aussage, eine Mitteilung – hier, wieder mit meinem Trio – über zwanzig Jahre spielen sie zusammen: Brad Mehldau, piano – Larry Grenadier, bass – bis 2005 mit George Rossy am Schlagzeug, ab 2005 dann mit Jeff Ballard, solche Partnerschaften gibt es im umtriebigen Musikbetrieb eher selten.

Ich hörte mir das ein erstes Mal an und dachte. Ja, er hat es einfach – seine eigene Melodie und Melancholie, seinen eigenen Anschlag, seine eigene Disharmonie/Schräge, die eigene Phrasierung, den eigenen Tonartenwechsel. In den letzten Soloaufnahmen meinte ich allerdings eine leichte Überreizung zu spüren, da schlägt er manchmal auf die Tasten, als müsste man dem Klavier erst beibringen, laut zu sein, geht das auch leiser? Muss man immer Botschafter, Vermittler, Rezipient, Erzähler, ja, Darsteller sein – das schwante mir bei den 10 Years Solo live. Da ist auch mit Macht etwas durchdrücken wollen. Nun – so viele Ideen, so viele Melodien im Kopf – und doch. Wenn ein Musiker sich zurücknehmen kann, dem Klavier etwas entlocken … nun, dachte ich, bevor du selbst den Altklugen/den Gereizten raushängen lässt, geh nochmal seine Biographie anschauen – was eine Entwicklung – dachte es und schaute nochmal nach – die Eckdaten:

1970 geboren in Jacksonville, Florida. Mit sechs Jahren Klavierunterricht. Studierte Klavier und Komposition am Berklee College of Music und an der New School for Jazz & Contemporary Music. Unter seinen Lehrern Kenny Werner, Junior Mance und Fred Hersch, (zu Fred Hersch haben wir die Tage gleich auch eine wunderbare neue Live-Aufnahme.)

Unverkennbar: Einflüsse bezieht er aus Franz Schubert, Oscar Peterson und Keith Jarrett – Bill Evans hörbar. Vor allem (das sei auch erwähnt) zum Jazz hatte ich in den Neunzigern ein eher gebrochenes Verhältnis – einzig Mehldau fesselte mich noch mit seinen Anleihen bei Radiohead, Nick Drave und immer wieder Paul Mc Cartney/John Lennon. Hin und wieder schimmert auch Gemanistisches durch – oder sind die Titel Sehnsucht oder Am Zauberberg nur zufällig aufgegabelt? Dass Mehldau außerdem technisch sprachlos macht – allein sein kontrapunktisches linke Hand Rhythmus oder Solo / rechte Hand freie Improvisation, lässt ihn stundenlang problemlos allein in Erscheinung treten – kommen noch seine mehrfachen Prämierungen – wo anfangen, wo aufhören.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/f1xuvOToo2Q?rel=0 (Android Paranoid)

Mehr als 30 Einzelaufnahmen stehen über 40 Aufnahmen als Sideman gegenüber. Ich möchte behaupten, da sind nur wenige Aufnahmen bei, wo du schon wissen musst, was du willst (anderer Ausdruck für naja) – eher muss man erstaunt feststellen, dass er sich mehrfach selbst übertrifft. Aus seiner Discographie als Leader möchte ich alle Werke explizit aufzeigen:

ALS LEADER

– zusammengestellt auf Qobuz /

         
         
         
         
         
         
         bradmehldau-seymour

https://www.youtube-nocookie.com/embed/38RAV0tqvvg?rel=0 (After Bach Official Video)

Als Sideman:

zusammengestellt auf Qobuz:

         
         
         
         
     

Brad Mehldau Seymour Reads The Constitution

Semour reads
mit dem erweiterten Datenschutzmodus eingebunden (in diesem Fall nimmt YouTube immer noch Kontakt zu dem Dienst Double Klick von Google auf, doch werden dabei laut der Datenschutzerklärung von Google personenbezogene Daten nicht ausgewertet)

https://www.youtube-nocookie.com/embed/B_19wR-D32M?rel=0

Es fängt leicht an mit Arpeggienspiel – die Arpeggien auch die Melodie übernehmen, er gleich das rechte Hand linke Hand kontrapunktisch aus den Fingern holt. Die Melodie tragend und klebt gleich im Ohr – dagegen das Crescendo gesetzt und auch sein typisch atonales Spiel – mehrfach kopiert inzwischen – da hat er sich einen festen Platz in den Klavierschulen verdient. Seymor Reads The Constitution habe ich gelesen, sei eine Homage an Duane Hansons Supermarktlady – insofern richtig, als die Lady fehlt, und im Wagen nur juristische Texte zu erkennen sind, wie die Anleitung zur Verteidigung betrunkener Fahrer – sehr melodisch, leicht beschwingt – Komposition, Rhythmus Abstimmung wie aus einem Guss.

9cb52b4d89a1822c485514ae4dd86f54

Mit Keith Jarrett geht es in Almost Like Being in Love weiter –  so darf sich ein Meister an der Schulter eines anderen ausruhen – das Spiel allerdings wenig bis gar nicht ruhend. Im ähnlichen Jarrett-Drive traben sie schließlich durch De-Dah. Das höre ich als tiefe Verneigung vor dem große Keith Jarrett. In Friends wird es fast schon beschaulich. Angenehmes Zwischenruhen mit leichtem Triole-Spiel – jaja die Leichtigkeit. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen. Alles weitere auf der Website:  https://www.bradmehldau.com/seymour-reads-the-constitiution/ 

Fazit: Wieder eine hervorragende Einspielung mit viel Abwechslung, Melodie und schönen kompositorischen Momenten und einmal mehr der Beweis, dass er mit Fred Hersch und Keith Jarrett auf Augenhöhe ist und seinen festen Platz hat unter den Top der Klaviervirtuosen. Ebenso top diese Aufnahme.

Qobuz: Brad Mehldau Seymour Reads The Constitution