So What! von Sivad Selim

So What von Sivad Selim

Ich wollte auf gute Musik aufmerksam machen, was einem Nieerwachsenwerdenwollen gleichen soll (für alles muss man sich rechtfertigen inzwischen). Habe trotzdem einen Aufreger gefunden. Die Neue Wollny Scheibe Norwegian Wind Oslo krieg ich nicht hin, echt jetzt. Hab’s versucht. Das Intro kann man machen kann man lassen, Stück zwei hat auch noch Beat und Dynamik, aber Stück drei … fängt an zu schwitzen, und Stück vier schließlich der Höhepunkt: Mädchen in weißen Tüllkleidern bei Sonnenlicht über strotzende Wiesen hüpfend und schwebend, in Zeitlupe fast. Mit anderen Worten. Kitsch im Regentropfen. Muss mich nicht, will mich nicht entschuldigen, aber das hat in den Ohren etwas seltsam Perlendes … so wie manches, was man die Tage alles Unerhörtes zu Ohren bekommt („ich wollte wohl nie erwachsen werden“/wäre ich das doch nie, denke ich manchmal):

Vorletzte Woche war ich in der Philharmonie. Der Chef der Veranstaltung betete in höchsten Tönen von den Tränen der Gefühle, der Rolf Kühn, einst bei Benny Goodman unter Vetrag, heute 88jährig, steht auf der Bühne und kann noch immer ganz ordentlich spielen, aber die goldenen Töne in den Superlativen des Chefs der Veranstaltung schienen sich im Kabelgewirr der Mikrophone und andere Lampen zu verfangen. Ein typisches Bottom Down Gelächter. Stars & Stripes oh Wunder. Die da oben spielen immer wie Engel so weiß. Gelobt der Chef der Veranstaltung noch einmal einzigartig, noch ein Beispiel: Stradihumpa von Benjamin Schmid & Andreas Martin Hofmeir.  Zitat:

„Betörende Liaison zwischen Violine und Tuba, weltweit einzigartig.“

Da schaltet mein kleines Hirn auf Rebellion. Betörend einzigartig. Was ein Aufeinandertreffen: „Welcher Tubist träumt nicht davon: Ein Duo mit einer schönen Geigerin!“ … Der Geiger heißt Benjamin Schmidt und scheint sich hier aufzuhalten: …

„Ein intimis Verschmelzen in ätherischen Klängen, versüßt durch optische Betörung in langen schwarzen glänzenden Kleidern.“ Macht. Sprachlos.

Kann mal jemand denen dort erklären, das ist nicht mehr prosaisch, sondern beängstigend. Ich habe eine Hemmung in mir aufgebaut, die Scheibe zu hören, muss vergessen, was ich gelesen habe. Soll ich noch zu Wollny was sagen – dem manchmal molligen Beethoven Versenken. Nein Sackgasse. Wenn das so weiter geht mit den Altherrenwitzen wander ich tatsächlich bald aus. Als alter Herr mit Hut und Stock … sah mich den Klimancharo besteigen, mich dort hinunterzustürzen. Ja.

Schreib doch mal was Schönes ?!

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Link führt zum Label

Weil ich den Namen Miles Davis inzwischen rückwärts aussprechen kann Sivad Selim, empfehle ich hier reinzuhören (hab jetzt „All of You“ gerade durch … und zweites Stück „So what“ in hohem Tempo. Name der Aufnahme „The Final Tour: The Bootleg Series“ (Für Bootleg eine ziemlich gute Tonqualität) Glatte fünf Sterne von Allaboutjazz – dem schließe ich mich an!

 

 

Kleiner Ausflug noch Richtung Avantgarde oder wie man dazu sagt, wenn Instrumente sprechen lernen … insbesondere Little Lemon (stück 6) auf Qobuz. Oder noch besser: beim Radiohörer, wo ich das herhabe!

A Beginner’s Guide to Diving and Flying von Jozef Dumoulin, Orca Noise Unit

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