Keith Jarrett – After The Fall

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Ach nicht schon wieder. Doch immer wieder!

Sie schreiben es schon. Ein fünf Sternealbum, richtig. Ohne Aber! Die Aufnahme reiht sich wunderbar ein in seine schon so vielen wunderbaren Alben. Nun, bei so viel des Wunderns und Wunderbaren kommt jeder Skeptiker ins Zweifeln. Bitte gern, nach Hören des Albums sind auch meine Zweifel verstummt.

Das könnte man als Glücksfall verbuchen, als Rundumzufriedenheit. Der Tresor von ECM scheint unerschöpflich. Und wer ohne Skepsis und Gegenposition nicht überwintern will, kann sich die Selbstironisierung von Clemens J. Setz war auch im Publikum antun. Es entsteht fast noch der luxuriöse Hinweis, oder die Frage: ist das etwa zeitgemäß? In schwierigen Zeiten so gute (leichte) Musik? (Ist sie leicht? Oder einfach nur wie geil (siehe Selbstironie des war auch im Publikum J. Setz)? Nur weil Jarrett es versteht so leicht zu spielen, dass anderen das Kinn herunter…, und er trotzdem so spielt, dass anderen das Husten und Scharren noch immer nicht vergeht?

Was sagt man zu einem Musiker, der nicht nur mehr als drei Generationen an Pianistinnen und Pianisten beinflusst hat (Michael Wollny über das Album Köln Konzert zum Beispiel), sondern immer noch, trotz Burnout in den späten Neunzigern unermüdlich und federleicht über die Tasten fliegt. Zwischenzeitlich die Aufnahmen mit Jan Garbarek, Charlie Haden, Peter Erskine, Paul Motion, Dewey Redman setzt. Auf seinem Weg zum eigenen Stil und Erfolg und der Marke Jarrett so viele Namen kreuzt: Chet Baker, Lee Konitz, Art Blakey, mit Miles Davis schließlich der Durchbruch:

Zu nennen wären noch Palle Danielsson, Jon Christensen, Freddie Hubbard, Airto Moreira, Kenny Wheeler. Es folgen die Soloalben – das berühmteste wohl The Köln Concert. (der Konzertveranstalter damals gerademal 18 Jahre alt!) Zu hören und zu sehen auch die Aufnahmen mit Saxophon, hier ein Beispiel:

Schließlich in den Neunzigern die Erschöpfung. Eine Pause ab 1996 unumgänglich. Wer es in Reihe lesen möchte, Wikipedia.

After the Fall. Laut Echo gilt sie als eine der besten Aufnahmen des Trios. Ein Livemitschnitt wieder, Newark, New Jersey 1998 und markiert die Rückkehr Keith Jarretts aus seiner Erholung oder Auszeit. Ganz in der Tradition oder Linie der Standards gleitet und segelt er durch die Titel des American Songbooks. Bei allaboutjazz lese ich von tributes to the extraordinary resilience of the pianist.

Vor allem unter dem Aspekt, dass der Aufnahme eine zweijährige Pause vorausgeht, ist sie als spielfreudige oder feierliche Selbstreferenz und dem reinen Spaß am Spiel nach der Pause zu feiern, und springt über all das quasi Entschöpfte und Enthemmte nach der Pause sofort über, fasst die ganze Lebensreise des Keith Jarrett zusammen, da er mit einem Solospiel beginnt und die Partner erst nach Minuten mitnimmt. Eine Aufnahme unter dem Gesichtspunkt Hörvergnügen pur! Reiht sich ein mit Foolish Hearts und Complete Recordings … eine Live-Aufnahme, auf der das Publikum sich offenbar an die Regeln des Zuhörens gehalten hat – und nicht denen des immer Foto fordernden Iphones (das es damals wie geil ist das denn noch nicht gab. Ein Glücksfall. Sowohl als auch.)

After the Fall. 20 Jahre liegen zwischen Aufnahme und Veröffentlichung. Ein Hinweis auf seinen Burnout, hatten wir. Umso augenfälliger, als Jarrett diesen Burnout als Fall im Sinn eines Zusammenbruchs versteht oder verstand? – Wo inzwischen mehr als deutlich ist, dass bei einer so intensiven Arbeit eine Erschöpfung unausweichlich wird? Er in den zwei Jahren Pause offenbar „gut auftanken“ konnte, sein Spiel wirkt locker und wer genauer hinhört, spürt eine innere Übereinstimmung nicht nur mit sich und seinem Spiel, sondern auch mit den Partnern, die ohne jede Schwierigkeit jedes Abbremsen, aufeinander Warten, gemeinsam Abheben und Dynamisieren mitgehen. After the Fall heißt nicht nur Nach dem Sturz, sondern auf zu einem neuen, klaren und nun fast schon zeitlosen Spiel. Ich spüre nichts von Hemmnis, Schwere oder Angestrengtheit. Eher ein alles wieder gut. Alles wie es soll. Noch Zweifel?

Kaum zu glauben, das der gleiche Jarrett zwei Jahre Pause brauchte.

Track Listing: CD 1: The Masquerade Is Over; Scrapple From the Apple; Old Folks; Autumn Leaves; Bouncin‘ with Bud. CD 2: Doxy; I’ll See You Again; Late Lament; One for Majid; Santa Claus Is Coming to Town; Moment’s Notice; When I Fall in Love.

Personnel: Keith Jarrett: piano; Gary Peacock: double bass; Jack DeJohnette: drums.

Lesenswert:

Keith Jarrett zum 70

ECMBLOG Settings Standard

Clemens J.Setz macht bekannt dass er im Publikum war

One Ordenary Night at New York Times

The Genius at The Keys Agony and Ivory , in der Reihe von Mozart bis Mehldau

HÖRBAR:

Qobuz:

Nun haben wir die Aufnahmen mit Gary Peacock und Jack De Johnette schon im Regal: My Foolish Heart, Die Standards, Somewhere, die Complete Recordings, wenn du die Keith Jarrett-Werkliste willst, hier die Aufnahmen mit Gary Peacock und Jack DeJohnette als Chronologie:

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  1977: Tales of Another Das „Starter Album“ des Trios

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1983: Standards Vol I

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1984: Changes

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1985: Standards Vol II

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1986: Standards Live

1988: Still live

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1989: Changeless

1990: Tribute to

1991: The Cure Live in New York

1993: Bye Bye Blackbird

1995: Standards in Norway

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1995: The Complete Recordings I-VI Live at Blue NOte in New York

1996: TOKYO ’96

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2000: Whisper not Live in Paris

2001: Inside Out Live in London

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2001: My foolisch Heart Live in Montreux

2002: Always let me go Live in Tokyo

2003: Up for It

2004: The Out-Of Towners Live in München

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2008: Setting Standards The New York Sessions

2008: StandardsI/II Live in Tokyo als DVD

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2008: Live in Japan 93/96

2009: Yesterdays Live in Tokyo

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2018: After The Fall

Deutschlandfunk über After The Fall und weiterführend ein Hinweis aufs Contrast Trio und Hugh Coltman: